„Schildbürgerstreich“ bringt die Geschichte näher

Aktion des Heimatvereins Ratzenried

Ratzenried ist um eine Attraktion reicher. Das Dorf, beim „Schönheitswettbewerb“ schon mehrere Male ausgezeichnet, kann nun neben Schönheit auch noch interessante geschichtliche Ausblicke bieten. Dem Heimatverein Ratzenried ist es zu verdanken, dass im Dorf und in etlichen zugehörigen Weilern die geschichtsträchtigen Häuserschilder erhalten wurden, die das dörfliche Leben und Treiben von anno dazumal festhalten – eine Dokumentation, die beim rasanten Wandel der letzten Jahrzehnte von größter Wichtigkeit ist, denn schon für die jetzige Kindergeneration ist die Vielfalt Lebensbereiche und Berufe im alten schon mehr oder weniger vergessen.

Die langjährigen Forschungen von Berthold Büchele, die unter anderem der Hausgeschichtsforschung gewidmet waren, die tatkräftige Mithilfe von Karl und Stefan Hengler bei der Schilderherstellung, die Großzügigkeit einer Wangener Lackierfirma und natürlich das Interesse und die Unterstützung der Hausbesitzer haben diese Aktion möglich gemacht, eine Aktion, die auf einem Dorf ihresgleichen sucht.

Wer Lust hat, kann im Dorf herumspazieren und das frühere Dorfleben auf 50 Schildern hautnah erleben. Kirche und Schloss, Zeugen der geistlichen und weltlichen Geschichte, überragen weithin sichtbar die Häuser des Dorfes. Der Bauhof, Wirtschaftszentrum der Herrschaft, wird demnächst in alter Größe wieder erstehen. Gegenüber dem Schloss steht das ehemalige herrschaftliche Ausdinghaus, wo die freiherrliche Mutter vor 200 Jahren ein stattliches Barockhaus beziehen durfte; nahe bei der Kirche sind das ehemalige Pfarrhaus und der dazugehörige Widdumhof zur Versorgung des Pfarrers wie das „Schwesternhaus“, das an die Versorgung der Kinderschule und der dörflichen Krankenpflege erinnert; an der Kirchenmauer das uralte Mesnerhaus, wo später unter beengtesten Verhältnissen in einem einzigen Raum Schule gehalten wurde, der Nachtwächter wohnte und schließlich ein Gemischtwarengeschäft existierte; gegenüber die ehemalige Badstube, geselliger Treffpunkt des Dorfes, Bad und Dorfpraxis in einem.

Der Dorfplatz ist geprägt vom Dorfbrunnen mit den Wappen der Herrschaften, die die Dorfgeschichte bestimmt haben. Das Rathaus und die alte Schule, an denen keine Schilder angebracht werden durften, künden von den vergangenen Zeiten der ersten Schultheißen und der alten Dorfschule. Von hier führt der Weg zur Wirtschaft „Zum Ochsen“, früher Taverne, Gerichts- und Tanzhaus in einem, und zur ehemaligen Wirtschaft des Unteren Schlosses, denn was heute kaum vorstellbar ist: Früher gab es für die Leibeigenen der beiden Ratzenrieder Herr-schaftshälften getrennte Wirtschaften. Wirtschaft und nachmalige Käserei sind beide inzwischen Geschichte.

Etwas zurückversetzt steht die ehemalige Brauerei, Zeugin der berühmten Ratzenrieder Schloßbrauerei. Wo heute im „Meckatzer“ lustig gezecht wird, hämmerte früher der Dorfschmied, und etwas weiter trafen sich die Frauen im Waschhaus zu Arbeit und Geplauder. Gegenüber wohnte ein berühmter Briefmarkensammler, der vom Erlös seiner Sammlung seine Indianermission in Amerika unterstützte. Daneben die ehemalige Wirtschaft „Zur Rose“ und das „Rößle“, früher mit Bäckerei und Kegelbahn.

Im Oberdorf, dem ehemaligen „Oberhof“ und Wohnort des Kirchenstifters, gab es Schuster, Metzger, Bäcker und den ältesten Gemischtwarenladen des Dorfes, wo die Dörfler schon vor 200 Jahren vom Zucker und Modekaffee über Garn und Leinwand Zucker und Modekaffee über Garn und Leinwand bis zum Melkfett so fast alles „kramen“ konnten. Selbst eine kleine Hauskäserei gab es hier im Oberhof. Daneben die Erinnerung an die alte dörfliche Gerichtsbarkeit in den Häusern des Waibels und des Dorfpolizisten.

Im Hinterdorf wohnte im Mittelalter der Vogt und existierten auf dem „Lindenknobel“ verschiedene Handwerksbetriebe wie Schreiner, Wagner, Rechenmacher, Glaser, Küfer, Holzhacker, Weber, Schneider, Schlosser, Büchsenmacher, Buchbinder, Zimmerleute, Maler; selbst den ausgefallenen Beruf des Harzers gab es, der im Wald Harz sammelte. Der „Ritterbote“, der hier wohnte, musste Botschaften des Ritterkantons Allgäu, zu dem Ratzenried gehörte, bis Paris bringen. Natürlich waren allesamt Bauern im Nebenerwerb.

Auch in den umliegenden Weilern sind die Spuren der Geschichte festgehalten: uralte und schon im 13. Jahrhundert erwähnte Höfe in Weihers, Kögelegg und Sechshöf, der Keimzelle des heutigen Ratzenried; die alten Schaffhauser Lehenhöfe in Artisberg, die früher direkt St. Gallen unterstehenden Höfe in Buchen, ein Handwerkerhaus mit Schmalzhandlung in Tal, ein uralter Hof in Berg. Oben bei der alten Burgruine das Haus des Schlossbauern, der die alten Rittersleut mit Nahrungsmittel beliefern musste, draußen in Reute der Nachfolger des dortigen Meierhofs. Interessante Zeugen der Mühlengeschichte befinden sich in Rehmen, Argenmühle und Neumühle, der ersten Mühle mit Argenkanal. Gleich in der Nähe die Neumühlebrücke, eine der ältesten überdachten Brücken der Gegend, und der Hof in Burkarts, in dem der Brückenzoll entrichtet werden musste.

Text: Berthold Büchele
Fotos: Hans Knöpfler
25. August 1992